13. August 2018

Das Chaos und die Ungeduld

Das hier ist mein dritter Versuch diesen Text zu schreiben. Mit den ersten beiden Versionen war ich nicht sonderlich zufrieden. Die Worte, die ich vorher in meinem Kopf hatte, waren auf einmal weg und dann fiel mir noch ein, dass ich ja wirklich noch einkaufen gehen muss und natürlich muss der Haargummi, der auf der Fensterbank liegt, noch ins Bad. Und weil nicht alles klappt wie ich es mir vorstelle, verdrücke ich noch ein paar Tränen denn ich bin eh nicht so gut drauf. Oh und wann hänge ich eigentlich meine Bilder auf? Ich könnte XY fragen, ob sie heute noch vorbei kommen will und sollte ich den Papiermüll jetzt oder später wegbringen? Erstmal einkaufen gehen, ich brauche jetzt Bewegung... und jetzt sitze ich wieder hier und habe gerade festgestellt, dass ich schon wieder eine Zutat vergessen habe, obwohl ich die ganze Zeit das Rezept in der Hand hielt.

Gedanken, die rasen, plötzlicher Drang nach Bewegung, innere Unruhe, "Oh, ein Fussel!", schnelle Langeweile und massive Ungeduld, sowie Vergesslichkeit bestimmen seit 24 Jahren meinen Alltag, seit etwa sechs Wochen weiß ich, dass es am ADHS liegt und letzte Woche zog ich die genaue und umfangreiche Diagnose aus dem Briefkasten. 

Die erfundene Modekrankheit

Mit ADHS verhält es sich ähnlich wie mit Depressionen: Zu viele denken an eine Ausrede, eine Erfindung, eine Modediagnose. Wir könnten uns doch mal ein wenig zusammenreißen, nicht? Gerade eben wurde mir auch noch erzählt, dass man die Diagnose eh leichtfertig bekommt, wenn man sie haben will. Klar, habe ich bei amazon bestellt, sogar mit kostenloser Lieferung.

ADHS ist existent und ist sicherlich keine Mode. Im Jahr 1775 schrieb der Arzt Melchior Adam Weikard erstmals über Aufmerksamkeitsstörungen. Die Symptome die er beschreibt, sind denen die man heute in den beiden Diagnosesystemen findet, sehr ähnlich. Außerdem wissen wir alle: Was aufgeschrieben wird, gab es schon länger. 
Ähnlich wie bei Depressionen gibt es auch bei ADHS ein Problem mit den "lieben" Neurotransmittern. Hier sind es allerdings Dopamin und Noradrenalin. Die Stoffe stehen an Stellen, an denen sie benötigt werden, nicht ausreichend zur Verfügung, weshalb die Übertragung im Gehirn gestört wird. Das heißt, dass das Aufmerksamkeits- und Motivationssystem nicht mehr so gut zusammen spielen wie bei "normalen" Menschen.

Der Leidensdruck entscheidet

Dass ADHS nicht immer unbedingt eine Krankheit ist, ist allerdings richtig. Der Leidensdruck entscheidet, ob eine Behandlung (Therapie und/oder Medikation) nötig ist oder nicht. 
Bei mir kann es sein, dass die Depressionen mit meinem ADHS zu tun haben, beziehungsweise daraus resultiert sind. Mein Leben bestand aus machen wollen, aber doch nicht tun, ich habe für alles länger gebraucht als andere, ich muss mich in vielen Dingen mehr anstrengen und sich zu fokussieren kostet viel Energie. 

Die Ausrede die es nicht gibt

Wenn ich ehrlich bin, bin ich froh über die Diagnose. Sie war eine ziemliche Erleichterung, denn sie erklärt sehr viel in meinem Leben und sie hilft mir, mein Selbstbild wieder ins Reine zu bringen. Es ist nicht besonders "besonders" ADHS zu haben, es ist oft anstrengend und man ist sich ab und zu selbst zuwider. Ich bin eigentlich sehr vorsichtig, was Menschen angeht, agiere aber oft viel zu extrovertiert mit ihnen und bringe mich immer mal wieder in unangenehme Lagen. Das ist dann wohl die Impulsivität.
Aber immerhin sorge ich mit meiner Zerstreutheit ab und zu für ganz unterhaltsame Geschichten.

Der Test

Zugegeben, ich habe mich bis vor einem Jahr, gar nicht mit ADHS beschäftigt. Es stand in meiner Kindheit, trotz der Symptome, auch gar nicht im Raum. Erst als ich wegen der immer schlimmer werdenden Depressionen beschloss, mich in der psychiatrischen Ambulanz vorzustellen und mich über Depressionen umfassend informierte, stieß ich auf eine Seite, die auch ADHS Symptome auflistete. Bis auf zwei trafen alle zu. Ich sprach meinen Verdacht im Gespräch direkt an und bekam einen Termin.
Die Testung verläuft nicht sonderlich spektakulär. Erst musste ich sehr viele Fragen zu sich selbst beantworten, um auszuschließen, dass es sich um Persönlichkeitsmerkmale oder eine andere Störung handelt. Das ist ziemlich nervenaufreibend und anstrengend, auch wenn es sich erstmal nicht so anhört. Außerdem mussten auch meine Mutter und mein Freund einen Teil dieses Tests machen und ich sollte meine Grundschulzeugnisse einreichen. An meinem zweiten Termin führte eine Psychologin eine Art Interview mit mir. Alles in allem war es ziemlich schnell ziemlich eindeutig. Geklärt werden musste nur, ob mit oder ohne Hyperaktivität - und jetzt weiß ich, es ist mit.

Ich habe übrigens meinen ersten Termin verschlafen. Ich habe meinen Wecker zwar gestellt, aber die Zeit nicht geändert. Wahrscheinlich habe ich es vergessen, weil ich schon wieder an drei andere Dinge gedacht habe.


Zum Weiterlesen: 

adhs-ratgeber.com
adhspedia.de
"Reiß dich zusammen, du Scheißgehirn" - Zeit Online

11. Juni 2018

Über Selbstliebe | #wirmüssenreden

Wir leben im Zeitalter des Internets, wir sehen nicht nur die Hochglanzwerbungen, wir sehen nicht nur perfekt geschminkte Models, Schauspieler, wen auch immer. YouTube, Instagram, Blogger, Twitter...viele Seiten geben uns die Möglichkeit die unterschiedlichsten Menschen kennen zu lernen. Das ist eine Betrachtungsweise der sozialen Medien, die nicht sonderlich oft geäußert wird - allen voran wird Instagram kritisiert. Das finde ich schwierig, denn: Ich habe die Möglichkeit mein Dashboard selbst zu gestalten. Meine Startseite reicht von "perfekten" Modelkörpern bis hin zu Selfies von Kommilitonen nach einer durchzechten Nacht. Außerdem ist mir noch etwas aufgefallen, etwas womit ich mich leider gar nicht so identifizieren kann und es irgendwie auch nicht will: Diese kompromisslose Body-Positivity-Strömung. Ich schaue (leider) nach dem Aufwachen auf mein Handy und werde mit Bildern überschüttet, die mich teilweise an die Penis- und Brüstegalerin der Bravo erinnern. Die Message dahinter: Du bist schön! Egal wie viel du wiegst, egal wie dein Körper aussieht! Liebe dich selbst! Die Intention dahinter ist Diversität - wir sind mehr als das weiße Model auf der Fernsehzeitschrift, es gibt unterschiedliche Körperformen, Hautfarben und Geschlechter. Das ist richtig und wichtig und ich bin froh, dass ich das auf meiner Timeline sehe, nur: Meine Identifikation damit scheitert jedes Mal. Ich soll alles an mir selbst lieben? Wirklich? Will ich das überhaupt?

An guten Tagen stehe ich vorm Spiegel und denke mir so Dinge wie: "Wenn du regelmäßig schwimmen gehst, dann wird das schon." An schlechten Tagen geht es dann an die Dinge, die ich selbst gar nicht ändern kann: "Bisschen mehr Sommersprossen hätten nicht geschadet, eine Thigh Gap wäre schon praktischer und meine Oberweite könnte ruhig ein wenig kleiner sein." An sehr schlechten Tagen kann es dann schon mal vorkommen, dass ich mich frage, was ich in meinem früheren Leben falsch gemacht habe, dass ich so viele Attribute an meinem Körper habe, die mir nicht gefallen. Diese Gedanken waren aber eher meinen depressiven Phasen geschuldet, als dass ich wirklich so denken würde. Im Großen und Ganzen komme ich gut mit mir klar und habe lieber ein angenehmes Leben, als dass ich mich damit stresse etwas zu erreichen was entweder sehr viel Zeit oder sehr viel Geld in Anspruch nehmen würde. Trotzdem gibt es eben Dinge an meinem Körper, die ich nicht mag. Sei es, weil sie nicht in mein persönliches ästhetisches Empfinden passen oder weil sie mir mehr Stress verursachen als mir eigentlich lieb ist. Ich bin jetzt mal ganz offen: Ich habe Körbchengröße E und nun ja, zu den bekannten gesellschaftlichen Nachteilen (hässliche und teure BHs, sehr ungünstig geschnittene Sommertops) kommen auch noch physische Probleme dazu und es ist mir irgendwie zuwider meine Oberweite zu glorifizieren. 

Ich bin im Zwiespalt. Ja, alles was an meinem Körper dran ist, gehört zu mir und es wäre keine gute Idee sich in einen Selbsthass hineinzureiten, weil man ihn lieber ganz anders hätte. Was mir allerdings bitter aufstößt: Ich muss zwar keinem bestimmten Bild entsprechen, aber ich MUSS alles an mir mögen. Und das ist ein falscher Ansatz. Ich bin sehr froh, dass immer mehr Körperformen Platz in der Öffentlichkeit und in den Medien haben, ich halte das für eine lobenswerte Entwicklung, aber es ist auch okay seine Brüste nicht bedingungslos zu lieben. Wenn ich mit einem Teil meines Körpers nicht warm werde, heißt das noch lange nicht, dass mir das schlecht tut. Wichtig ist zu akzeptieren, dass wir in unseren Körpern leben und wir bis zu unserem Tod nicht daraus heraus kommen. Es gibt sehr viele Facetten zwischen bedingungsloser Selbstliebe und grenzenlosem Selbsthass. Es ist vollkommen okay nicht jeden Teil seines Körpers zu glorifizieren. Wichtig ist, Prioritäten richtig zu setzen. Wir sind viel mehr als unser Körper, wir sind unser Charakter, unsere Biografie, unsere Prägung. Ich kann mich schön finden, auch wenn ich lieber andere Beine hätte. Ganz bestimmt.

8. Mai 2018

Teilstationär

Am 19. Februar 2018 war ein sonniger, aber sehr kalter Tag. Der 13. April war ebenfalls sonnig und um einige Grad wärmer. Zwischen diesen Tagen lagen acht Wochen, die ich teilstationär in einer psychiatrischen Klinik verbracht habe.

Tagesklinik bedeutet, dass man in der Regel acht Stunden am Tag in der Klinik verbringt, dort frühstückt, zu mittag isst, aber nachmittags wieder nach hause geht. Eine Sache die mir ziemlich wichtig war. Ich wollte in meinem Umfeld bleiben, zuhause schlafen und die Wochenenden mit meinen Freunden verbringen. Irgendwo noch ein eigenständiger Mensch sein.

Ich weiß gar nicht wie es in anderen Kliniken aussieht, deshalb kann ich hier nur für mich sprechen und da wo ich war. Von Klinik zu Klinik gibt es unterschiedliche Methoden und Therapiearten, wie beispielsweise psychosomatisch, oder verhaltenstherapeutisch. Meine Klinik war auf Letzteres ausgerichtet. Das heißt ich habe gelernt meine krank machenden Denk- und Verhaltensmuster auszumachen und Techniken erlernt, um Situationen anders zu bewerten und anders zu handeln.

Warum die Klinik?

Es war mir schlicht und einfach nicht mehr möglich mein Leben mit der ambulanten Therapie zu bewältigen. Die Ziele, die dort verfolgt werden sollten, erreichte ich kaum. Meine Depression legte mich zwar nicht total lahm, aber sie war jeden Tag präsent. Ich habe es irgendwie geschafft mein Leben nicht an die Wand zu fahren, aber trotzdem vegetierte ich vor mich hin. Das Leben erschien mir als etwas Bedrohliches, etwas was nur starke Menschen meistern können. Und ich? Ich fühlte mich schwach. Und ich wollte das alles einfach nicht mehr.

Wie bekommt man einen Platz?

Ich denke das ist überall ähnlich - ich habe einfach geschaut ob das Klinikum in meiner Stadt eine Psychiatrie hat und dort einfach mal in der Ambulanz angerufen. Ich bekam einen Termin bei einer Psychiaterin, die ich auf einen teilstationären Aufenthalt ansprach. Ich wusste von früher, dass es diese Möglichkeit gibt. Ein halbes Jahr später hatte ich dann meinen Aufnahmetermin. 
Für die Ambulanz habe ich übrigens eine Überweisung, beziehungsweise für die Klinik eine Einweisung gebraucht.

Die Wartezeiten sind allerdings wirklich extrem. Trotzdem, wenn du glaubst Hilfe zu brauchen, ruf besser jetzt an als später - sonst dauert es noch länger.


Wie sieht so eine Woche aus?

Ich wurde am ersten Tag in eine Gruppe gesteckt und diese Gruppe hatte ihren eigenen Stundenplan, der sich auch manchmal mit der anderen Gruppe auf der Station überschnitt.
Auf dem Plan standen verschiedene Gruppentherapien, wie Gesprächstherapien mit Psychologen, Entspannungstherapie, Ergotherapie und ein Skills-Training (wozu ich gleich noch kurz etwas schreibe). Sehr verhasst war bei mir die Sporttherapie. Nach meiner letzten Sportstunde an der Schule schwor ich mir, dass ich nie wieder diesen fürchterlichen Hallensport mache - hab ich wohl falsch gedacht! Ich muss auch ganz ehrlich sagen, dass mir diese zwei Stunden in der Woche nicht viel gebracht haben. Ich kann mich aber null für schulsportartigen Hallensport begeistern.

Das Skills-Training war ein recht interessantes aber schwieriges Unterfangen. Skills sind Dinge, die man in einer bestimmten Reihenfolge hintereinander ausführt um den Hochstress zu senken. Besser erklärt: Gerade für Borderliner, die Druck haben sich zu schneiden, sind solche Skillsketten wichtig. Aber auch als Depressive ist sowas sinnvoll: Eine Hochstressphase hat für mich bedeutet, dass ich auf einmal eine nicht mehr wirklich aushaltbare Anspannung in mir gespürt habe, meist wegen etwas, was für einen Außenstehenden nicht schlimm war, für mich aber einen halben Weltuntergang bedeutet hatte. Es brachte mich dazu mich zu verkriechen, mich nicht mehr zu rühren. Eine Skillskette vermeidet das und lässt mich wieder klare Gedanken fassen.
Ich habe allerdings noch keine festgelegte Skillskette. Das ist die Krankheit, nicht du ist eine Art Mantra, das ich mir automatisch angewöhnt habe. Meist erledige ich dann auch noch irgendwelche Kleinigkeiten, die anfallen oder koche etwas.
Das klingt jetzt sehr einfach und Mancher fragt sich wahrscheinlich, warum man für etwas eine Therapie braucht. Ich kann euch sagen, dass das mitunter die anstrengendsten Stunden für mich waren. Depressive Gedanken und Gefühle sind nicht zu unterschätzen - bis solche Skillsketten gefunden und auch anwendbar sind vergeht viel Zeit. Und auch Arbeit.

Außerdem gab es noch eine Gruppe, in der man verschiedene Persönlichkeitsstile kennen gelernt hat. Eine Gruppe, die mir sehr viel gebracht hat. Man kann sich selbst und seine Verhaltensmuster besser einordnen und kommt auch irgendwann dem Warum auf die Schliche. Man konnte auch nicht nur sich selbst, sondern auch "Problemmenschen" im eigenen Umfeld besser einordnen. 

Zwischen diesen ganzen Gruppentherapien standen natürlich auch Einzelgespräche mit den ÄrztInnen und PsychologInnen an. Außerdem waren mehrere PflegerInnen auf der Station, die in Krisensituationen da waren und auch regulär einmal wöchentlich mit ihren PatientInnen geführt. Der Redebedarf wurde so gut es ging von allen Seiten gestillt.

Und last but not least: Es standen auch immer Aktivitäten mit allen Gruppen zusammen an, die jeweils eine von beiden Gruppen organisieren musste. 

Hat das Ganze auch etwas gebracht?

Ja. Hat es. Mir sogar sehr viel. Mir haben die acht Wochen sogar gereicht - Viele verlängern meistens noch um zwei Wochen. 
Ich hatte plötzlich wieder eine Struktur, habe Menschen kennengelernt, denen es ähnlich geht wie mir, ich wurde in all meinen Belangen ernst genommen und habe das Gefühl, dass sich in meiner Denkstruktur einiges geändert hat. Ich habe jetzt einen Ordner voll mit Strategien, die mir jetzt "in Freiheit" auch noch weiter helfen. Ich bin jetzt seit zwei Wochen entlassen und in mir breitet sich immer mehr das Gefühl aus, dass alles in Ordnung ist. Mir wurde ein wenig Schwere von der Seele genommen ich bin wieder fähig dazu richtig zu leben. Ich glaube dieses Gefühl hatte ich ziemlich lange nicht mehr.

Man sollte allerdings nicht naiv sein und glauben, dass man nach so einem Aufenthalt wieder komplett gesund ist. Ich mache ambulant weiter, damit ich in einem halben Jahr nicht wieder fast von vorne anfangen muss.
Das war oder ist noch meine zweite depressive Phase und ich will so gut wie möglich dafür sorgen, dass es keine Dritte gibt.

Ich kann wirklich jedem der das Gefühl hat, dass es wirklich nicht mehr geht, empfehlen sich nach einem teilstationären Aufenthalt zu erkundigen. Es ist nichts wofür man sich schämen muss und jetzt mal Tacheles: Seelische Gesundheit ist so verdammt wichtig! Wer darauf scheißt fliegt irgendwann mal auf die Schnauze! Mit einem gebrochenen Bein fährt man ja auch in die Notaufnahme, oder?




Depression ist, wenn man einen Smiley zu wenig macht.

Ich stehe vor einem Supermarktregal. Ich registriere nicht mal vor welchem. Tausend Gedanken schlagen auf mich ein. Der Punkt an dem ich stehen bleiben sollte, nämlich was zur Hölle ich heute Abend kochen will, rast an mir vorbei. Stattdessen bahnen sich peinliche Erlebnisse ihren Weg und Menschen, die mir eigentlich egal sein sollten. Der fröhlich-poppige Radiosong im Hintergrund stiehlt sich klammheimlich meine Aufmerksamkeit und ich merke einen Kloß im Hals. Mein Leben ist eine große und stinkende Müllhalde! 
Ich kann mich noch zusammen reißen und eine Stunde später verlasse ich das Lebensmittellabyrinth mit meinem Einkauf. Auf dem Weg nach hause spüre ich mutmaßliche Blicke, auf einmal heiße ich Samsa, jetzt bloß niemanden treffen den ich kenne! Und dann doch. Ich werde nervös, setze ein Lächeln auf. HI ist kurz genug, um nicht aufzufallen. Einen Sekundenbruchteil lang habe ich noch Kraft meine Maske aufzusetzen, nicht zeigen zu müssen, dass in mir gerade die Welt untergeht. Aber eigentlich geht sie nicht unter.

Ich mache es mal kurz: Solche Situationen sind mir nicht unbekannt und prägten mein 2017. Ich bin depressiv. Es hört sich zumindest sexy an. Wer kennt nicht den traurigen Künstler, den einsamen Sonderling, den verwegenen Musiker?
Sowas soll es geben. Aber mich künstlerisch in meinem Leid suhlen war eben nicht drin. Ich kann nicht einmal genau sagen, womit ich meine Tage verbrachte. Manchmal versuchte ich meine Gedanken in Alkohol zu ertränken, was aber genau das Gegenteil bewirkte, sah mir Dokus an, um diese Krankheit zu verstehen, versuchte so gut es ging am normalen Leben teilzunehmen - aber scheiterte und versank in mir selbst.

Jetzt sitze ich hier, schreibe diesen Beitrag und kann mal dreist behaupten, dass ich mich auf einem guten Weg befinde. Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt darüber bloggen sollte, aber mir war schon von Anfang an klar, dass ich keine Lust habe mich zu verstecken. Jetzt fühle ich mich gut genug, um damit im Internet mit meinem Gesicht zu stehen. Denn ich habe in der zweiten depressiven Episode in meinem Leben eins gelernt: Es wird zu sehr unter Verschluss gehalten. Es existieren Vorurteile. Man spricht nicht darüber - es gehört sich nicht. Auch wenn die Medien sich langsam in eine Richtung bewegen, die ich für sehr lobenswert halte, es wird noch sehr lange dauern, bis es wirklich überall angekommen ist. Je mehr Menschen offen damit umgehen, desto mehr kommt es an. Ein Journalist der ein bisschen recherchiert hat, so gut er es meint, bewegt nicht viel. Ein Mensch wie ich steht in viel zu vielen Köpfen noch da wie ein empfindlicher fauler Volltrottel. Und das soll sich ändern. 

Ich werde euch die nächsten Wochen vor allem auf Instagram ein bisschen auf meinem Weg mitnehmen, euch zeigen, was es bedeutet mit dieser Krankheit zu leben und damit klar zu kommen, aber ich kann euch auch sagen, dass die Depression nicht mein einziges Thema bleibt. Sie wird nur von nun an ein Teil dieses Blogs sein, denn ich kann sie hier auch nicht mehr raushalten. Sie inspiriert mich mittlerweile doch zu Vielem. Es wäre falsch sie außen vor zu lassen. Leider Gottes gehört sie dazu.

Und sonst noch? Ach ja - stay sassy!





1. März 2018

Über Freundschaft | #wirmüssenreden

Astrid Lindgren hat mir unrealistische Vorstellungen von Freundschaft vermittelt oder Joanne K. Rowling oder so ziemlich jede Autorin oder Autor dessen Geschichten mich durch meine Kindheit oder Jugend begleitet haben. 
Zusammenhalt, durch Dick und Dünn gehen, füreinander da sein, füreinander einstehen, sich akzeptieren und tolerieren - das macht für mich eine gute Freundschaft aus. Es sind die essenziellen Dinge einer guten Beziehung zueinander. Ich habe da aber so ein komisches Gefühl: Es wird oft nur oberflächlich gelebt. Glaubt ihr nicht? Dann stellt euch mal folgende Situation vor:


Ein Freund oder eine Freundin vertritt vor Kommilitonen, Mitschülern oder Kollegen eine Meinung, die ihr so nicht ganz unterschreiben würdet. Es geht hier nicht um Ansichten, die eine Freundschaft ausschließen würden, sondern um eine alltägliche Meinungsverschiedenheit. Euer Freund oder eure Freundin vertritt diese Meinung also vehement und steht damit alleine da. Aber nicht nur das - die Diskussion schaukelt sich hoch und auf einmal sind alle gegen Eine. Würdet ihr einschreiten für diese Person, obwohl ihr sie nicht wirklich im Recht seht? Denkt mal darüber nach, für wen würdet ihr das tun? Seid wirklich ehrlich zu euch.
Ich behaupte jetzt ganz dreist: Ihr könnt diese Personen an einer Hand abzählen und sie gehören nicht unbedingt zu dem Kreis mit dem ihr gerade regelmäßig zu tun habt. Die für die ihr das nicht tun würdet, sind auch nicht eure Freunde. Es sind eher gute Bekannte. Es ist angenehm mit ihnen was trinken zu gehen oder im Sommer am See rumzuhängen, vielleicht kennt man die Probleme vom Gegenüber, vielleicht wendet man sich auch nicht unbedingt ab wenn der andere schlechte Zeiten hat, aber eine richtige Freundschaft ist das nicht. Sie hält, weil man ständig miteinander zu tun hat, weil man nicht weit voneinander entfernt wohnt und vielleicht auch, weil der Rest des täglichen Umfelds wenig zu bieten hat.

Es ist eigentlich ein ziemlich trauriger Gedanke und als ich realisiert habe, dass mittlerweile 90 Prozent der Freundschaften um mich herum genauso funktionieren, war das ein leichter Schock für mich. Es sind Freundschaften die zerbrechen wegen einer Meinungsverschiedenheit, wegen zu weiter Wege oder weil man etwas mehr geben müsste als die Kneipe und den See. Es scheint wohl zu unbequem zu sein beim Umzug mitzuhelfen, oder sich ständig die gleiche blöde Geschichte anhören zu müssen. Und wenn einer nicht ins Setting passt, fragt man jemand anderen. Aber so funktioniert das einfach nicht! Wir können nicht ständig willkürlich Leute in unser Boot holen und sie wieder über Bord gehen lassen, weil sie keine Kraft mehr zum Rudern haben oder weil uns der luxuriöse Dampfer nur ohne sie aufnimmt. Freundschaften sind unbequem, sie sind nicht glamourös, auch nicht immer vorzeigbar, aber wenn man das akzeptiert, sind sie beständig. Und wunderschön.


26. Januar 2018

#metoo - ein Statement

Ein Thema über das schon Tausende geschrieben oder gesprochen haben, jede Meinung hat man schon tausende Male gehört - es ist eine Debatte die nicht zu verstummen scheint. Kaum scheinen die Vorwürfe abzuebben, kommt schon wieder die nächste Flut. Und immer und immer wieder. Die Debatte verstummt nicht. Und das ist gut so.
So Mancher, nein, so viele - zu viele - mögen genervt sein, sie als unwichtig abtun. Als wäre sie eine lästige Mücke. Eine Mücke ist irgendwann so laut, dass man aufsteht und etwas dagegen tut. Ich glaube, diese Mücke ist noch nicht laut genug. 
Deshalb liegt mir dieses Thema am Herzen und ich möchte hier mein ganz eigenes Statement dazu niederschreiben. Wobei, es ist eigentlich eine Beantwortung aller abschätzigen und genervten Fragen von Menschen, die es irgendwie immer noch nicht verstanden haben.

Warum ist die Debatte so wichtig?

Um das herauszufinden braucht man sich nur mal in den Kommentarspalten des Internets umzusehen: Was dort geschrieben wird, ist teilweise so absurd - man weiß gar nicht, ob man lachen oder weinen soll. Auch wenn Internetkommentare (hoffentlich) nicht unbedingt die breite reale Masse widerspiegeln, sind sie dennoch von Menschen geschrieben worden. Und diese Menschen denken so. Von "Sich erst hoch schlafen und dann jammern" bis zu abenteuerlichen und einzig und allein korrekten Definitionen, wer denn jetzt wirklich Opfer ist und wer nicht ("blanker Hohn für richtige Opfer" ist ein beliebter Ausdruck).
In viel zu vielen Köpfen herrscht die Ansicht, dass die ach so bösen Frauen, den ach so unschuldigen Männern das Leben zerstören wollen - für Aufmerksamkeit, Geld, aber bloß nicht, weil es wirklich so passiert ist. Wir haben mit diesem Thema ein massives Problem: Sei es Frau oder Mann, ein Mensch, der sexuelle Gewalt erlebt, muss kämpfen. Dafür, dass er ernst genommen wird, ihm geglaubt wird.

Ich muss zugeben, erst seit #MeToo wurde mir richtig bewusst, dass es nicht ganz unüblich ist, die Aussagen einer/eines Betroffenen sehr kritisch zu beäugen. Man muss dafür gar nicht an die Öffentlichkeit gehen, die "Kritiker" finden immer eine Ausrede: Man will der Person schaden, weil man sie nicht mag, neidisch auf sie ist, man ist pleite und braucht Geld, es ist schier unmöglich, dass das so vorgekommen ist, denn es passierte während einer Beziehung, in der Familie, in der Schule oder der Beschuldigte wirkt ja gar nicht so. Es scheint als käme sexuelle Gewalt nur so vor: Der Täter wartet in einer dunklen Gasse und packt aus einer Ecke heraus überraschend sein Opfer. Wobei, auch da finden sich ähnliche Spielchen: Man solle nicht so spät diesen Weg gehen, sich anders anziehen, gar nicht so spät rausgehen...oder: Man ist männlich. Männer können gar nicht vergewaltigt werden.
Von dieser Einstellung müssen wir uns einfach entfernen. Es kann nicht sein, dass die Chance als Betroffene/r zumindest einen kleinen Funken Gerechtigkeit zu erfahren, so gering ist, dass man lieber mit seinem Geheimnis lebt und möglicherweise daran zerbricht. 
Und das muss in den Köpfen der breiten Masse ankommen und verankert werden. #MeToo ist erst der Anstoß.

Warum melden sich so viele Opfer erst nach so vielen Jahren?

Wenn wir uns mal überlegen, dass wir immer noch mit einigen rückständigen Ansichten zu kämpfen haben, wie sah das dann wohl vor zwanzig, dreißig Jahren aus? Die Schuld wird ja heute noch in einem sehr großen Ausmaß umgekehrt. Viele fühlen sich auch erst dann ermutigt zu sprechen, wenn es andere auch tun, es war bis dato kein Umfeld vorhanden, in dem man sich äußern konnte. Außerdem: Scham. Man kann sie nicht erklären, es ist ein Schamgefühl, dass man hat, wenn sich jemand in deine tiefste Privatsphäre eingemischt hat. Ungefragt. Oft fragt man sich auch, warum man es zugelassen hat, warum man sich selbst nicht geschützt hat. Und noch ein ganz simpler Grund, nicht sofort zu sprechen, der Grund, der in dieser Debatte eigentlich vorherrscht: Die Macht des Täters. Wir brauchen uns nicht vormachen, dass diese Welt gerecht ist und wir den schwachen Gliedern in der Kette genauso viel Halt und Unterstützung geben, wie den starken.

Aber gibt es denn nicht die Unschuldsvermutung?

Absolut. Die gibt es und die finde ich nach wie vor sehr wichtig. Diese Unschuldsvermutung gilt aber nicht nur für den Beschuldigten, sondern auch für den, der anklagt. Verleumdung und üble Nachrede sind auch Tatbestände, um das zu wissen, muss man nicht Jura studiert haben. Dieses Argument ist also nicht wirklich ganz schlüssig, zumindest wenn man es nur für die eine Seite gebrauchen möchte.
Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass man erst einmal glauben sollte. Es ist definitiv sinnvoller als erst einmal davon auszugehen, dass gelogen wird. Es mag sein, dass das vorkommt, aber ich denke der Anteil der Falschbeschuldigungen ist viel geringer als so Mancher behaupten mag. 

Jetzt darf man ja nicht mal mehr eine Frau ansehen, ohne dass man sie sexuell belästigt!

Okay, drei Worte: Dümmster Satz überhaupt! Wenn ich das lese oder höre, werde ich innerlich immer ein wenig aggressiv. Er zeigt nicht nur, dass man unfähig ist, sich konstruktiv an einer Diskussion zu beteiligen, sondern auch, dass man gar nicht einsieht, dass dieses Thema in irgendeiner Form wichtig ist. Dazu gibt es auch noch die Kandidaten, die meinen, dass der gesamte Flirt in Gefahr ist. Ich verrate euch ein Geheimnis: Wer die Grenze zwischen gewollt und ungewollt nicht erkennt, oder erkennen will, der hat meines Erachtens ein Problem, denn das ist wirklich nicht so schwer.

Zum Schluss habe ich euch noch ein paar Links zum Thema herausgesucht, die ich recht interessant fand.

Der Fall Dieter Wedel im ZEIT MAGAZIN
Was die Vorwürfe gegen Dieter Wedel so unfassbar macht - bento
Vergewaltigung ist kein Sex - Süddeutsche Zeitung
Umfrage zu sexueller Belästigung - ZDF
Der verunsicherte Mann - ZEIT Online

25. Januar 2018

Eine nicht so eloquente Ode an das Vergessen

Gerade eben hatte ich noch einen perfekten Anfang, den ich vergaß.
Den perfekten Anfang, der mich vor meiner Blockade retten sollte.
Aber bevor ich vergesse einfach weiterzuschreiben, erzähle ich euch einfach, was ich schon alles vergessen habe.
Erst heute Mittag, beim Wäsche waschen - ich vergaß das Waschmittel,
Ich vergaß das Klopapier, ließ es mitten im Laden stehen. 
Das ist nicht das erste Mal.
Beim ersten Mal vergaß ich es am Bahnhof.

Ich vergesse immer die Termine, die ich bei der Bank gemacht habe. 
Wenn mich die Bankkauffrau doch zu Gesicht bekommt, lächelt sie immer so streng, sie, die Ordentliche. 
In ihren Augen sieht man das Unverständnis, vielleicht nimmt sie mir das persönlich, das Vergessen, sie nimmt es mir übel, mir, der Chaotischen.

WIE KANN MAN DAS ÜBERHAUPT VERGESSEN?
Fragten mich meine Mutter, mein Physiklehrer, andere.
Hausaufgaben vergisst man nicht, man ist zu faul für sie, oder?
Oder dumm, weil Physik-Hausaufgaben in der Mittelstufe etwas Unabdingbares für deinen restlichen Lebensweg sind.

Ich wollte mir Dinge aufschreiben - was ich vergaß.
Dann habe ich mir Dinge aufgeschrieben - was ich wiederum vergaß.
Und dann vergesse ich, was ich so gelesen habe.
Und dass ich mich nicht mehr rechtfertigen wollte.

Vor ein paar Tagen hatte ich mich fast ausgesperrt, weil ich fast vergaß den Schlüssel mitzunehmen.
Und Sekunden zuvor sagte ich zu mir: Das darfst du nicht vergessen!
Manchmal bin ich auf halbem Wege wieder umgekehrt, weil mir einfiel, dass ich den Herd nicht ausgemacht habe,
dabei hatte ich nur vergessen, dass ich ihn ausgemacht habe.
Herdception, denn Vergessception hört sich nicht so gut an und liest sich auch scheiße.

Zumindest habe ich nicht vergessen, wann die Meisten meiner Mitschülerinnen aus der Realschule Geburtstag hatten, 
dass Kolumbus 1492 Amerika entdeckte und dass Benedict Cumberbatch jünger ist als Jim Parsons.
Ist ja auch wichtig.

Aber - vielleicht ist das Vergessen nicht immer so schlimm.
Zumindest hat man dann Geschichten zu erzählen,
manchmal unterhält man damit sein Umfeld.
Entgegen aller Prophezeiungen habe ich einen Schulabschluss und die massiven Nachteile bleiben aus.
Nur manchmal denke ich an das strenge Lächeln der Bankkauffrau. Ich habe ein schlechtes Gewissen, das ich irgendwann wieder...vergesse.